Ist Gott interreligiös?
Pfarrer Hansfrieder Hellenschmidt +

Ist Gott interreligiös?
Das 1. Gebot und die Religionen

»Ich bin der Herr, dein Gott, der Ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« 2.Mose 20,2f.

Begleitet von mächtigen Zeichen der Natur tönte es vom Sinai herab: »Ich bin der Herr, dein Gott!« Unauslöschlich, wie in Stein gemeißelt, steht nun für alle Zeit der Anspruch des lebendigen Gottes in der Geschichte. Eine gewaltige Kundgabe aus der Höhe. In einem heiligen Erschrecken hatten die, die Gott zu seinem Eigentum erwählt hatte, Ja gesagt und in seinen Bund eingewilligt. Keiner konnte und wollte den Anspruch der himmlischen Majestät in den Wind schlagen. Jahrhunderte später hat der Prophet Jeremia Gleiches erfahren. Auch er konnte sich dem Zugriff Gottes nicht entziehen, denn er bekennt vor ihm: »Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen« (Jeremia 20,7).
Mit diesem kraftvoll in die Welt gestellten Ich hatte Gott der Gemeinde seine Ausschließlichkeit kundgetan und sie wissen lassen: »Sehet nun, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen, und niemand ist da, der aus meiner Hand errettet« (5.Mose 32,39). Nachdrücklich war dem Wort: »Ich bin der Herr, dein Gott«, auch das andere beigesellt: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir«.
Eine klare Weisung, die nicht in den Wind geschlagen werden darf. Gott will das Volk mit keinem Götzen teilen. Mit ungeteiltem Herzen soll es ihm anhangen und ihm alleine dienen. Der Raum, den Gott dem Volk gewährt, darf nicht zum Tummelplatz der Götzen oder zum Spielplatz religiöser Maskeraden werden. Unzweideutig und nicht mehr zu hinterfragen ist darum Gottes Nein gegen allen falschen Gottesdienst. Es muss dabei bleiben: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott« (2.Mose 20,3.5).
Diese Worte sollen der Gemeinde aller Zeiten vor Augen stehen. Gott hat seinen Anspruch nie relativiert oder gar zurückgenommen. Auch für Jesus ist Gottes Selbstzeugnis: »Ich bin der Herr, dein Gott!« nicht hinfällig geworden. Vielmehr hat sich das majestätische Ich Gottes in Jesu Ich: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben« (Johannes 14,6), in seiner ganzen Ausschließlichkeit noch einmal ausgelegt. Nie ist der dreieinige Gott auf dem Markt religiöser Möglichkeiten erschienen, um sich den Menschen neben anderen Göttern als eine Alternative anzubieten. Wer aber doch Gottes und Jesu Anspruch relativiert, hat das Zeugnis der Bibel gegen sich. Denn durchgehend legt sie Zeugnis von der Ausschließlichkeit Gottes ab. Sie kennt keinen anderen Helfer und Heiland. Auch der Apostel Paulus steht für diese Heilstatsache mit den Worten ein: »Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung« (2.Korinther 5,19).
Das ist die alles entscheidende christliche Botschaft: Gott selbst ist den Menschen zum Heil in der Welt erschienen. In der niederen Gestalt Jesu hat sich die Ewigkeit in die Zeit eingezeugt. Gott ist in Jesus Christus dorthin gekommen, wo die Menschen in Sünden gefangen sind, keine Vergebung haben und an einem geschlagenen Gewissen leiden und ohne Vergebung seelisch zugrunde gehen. Der Christus soll der Heiland aller sein. Allen soll er das Wort von Gottes Verzeihen künden und die Menschen zu ihm zurückführen. Mit der Selbstkundgabe Gottes am Sinai und durch Jesu Selbstzeugnis, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, sind andere Heilsbotschaften verworfen. Die Götter und Götzen sind vor Gott Nichtse (Jeremia 10,3). Sie haben kein Heil und lassen die Menschen in ihren Sünden. Nur Christus, der mit dem Heiligen Geist getauft ist (Matthäus 3,16), hat die Vollmacht, die gottfeindlichen Mächte der Finsternis niederzuringen und die Menschen aus der Gefangenschaft der Sünde zu befreien. Dass das so geschehen ist, ist das Zeugnis des Apostels Paulus an die Gemeinde, enn Christus hat »die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht« (Kolosser 2,15). »Darum«, so verkündigt der Apostel an anderer Stelle, »hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist« (Philipper 2,9).
Durch alle Jahrhunderte der Kirchengeschichte ist es um dieses exklusiven Zeugnisses willen immer wieder zu Zusammenstößen mit Religionen und Ideologien gekommen. Empört und verletzt haben sich ideologisch esetzte und religiös gebundene Menschen gegen die Ausschließlichkeit des christlichen Bekenntnisses: Jesus allein! gestellt. Auch heute ist der Konflikt nicht zu vermeiden. Schon die Apostel der Anfangszeit konnten dem Ärgernis, das an dem Namen Jesus haftet, nicht ausweichen. Aber sie waren standhaft und haben trotz aller Anfeindung und Verfolgung von Christus gezeugt: »Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden« (Apostelgeschichte 4,12). Die heutige Christenheit ist zu gleichem Bekenntnis gerufen. Ein öffentliches Zeugnis, dass Christus allein der Retter ist, findet aber kaum noch statt. Der Auftrag, das Evangelium von Jesus Christus auch den Religionen in unserem Land zu bezeugen, ist anstößig geworden. Stattdessen ist man bereit, die verschiedenen religiösen Wahrheiten zu tolerieren und rechtfertigt dies mit dem fadenscheinigen Gerede: »Niemand hat die Wahrheit gepachtet.« Der Aufklärung gleich will man den Weg zur Wahrheit schon als das entscheidende religiöse Handeln verstehen1 und ist der Überzeugung, die Toleranz ist das Gebot der Stunde. Unter dieser Maxime wird das religiöse Leben zu einem willkürlichen Spiel. Man dreht sich wie im Walzer mal rechts, mal links und bleibt allezeit unverbindlich.
Inmitten dieses Treibens steht die Gemeinde und wartet vergeblich auf Weisung. Eine große Mehrheit der Hirten in der Kirche schweigt. Allein gelassen stehen viele Christen im Wirrwarr und Durcheinander der Stimmen und Meinungen. Sie ringen um ihre christliche Existenz und den Bestand des angestammten Bekenntnisses. Hilflos und angefochten stehen sie im Wind der Zeit. Die Kirche aber schweigt. Von ihr gehen keine Weisungen aus, die das Bekenntnis stützen und die Irrlehren abwehren. Ein unseliger Dogmenstreit, der nun schon Generationen währt, hat ihre Kraft verschlissen. Sie scheint nicht mehr in der Lage zu sein, das erste Gebot unter der Weisung des biblischen Wortes auszulegen. Substanzlos geworden, lässt die Kirche in ihren eigenen Reihen den Versuch zu, sich den Religionen positiv zu nähern und eine allen Religionen gemeinsame Wahrheit zu entwickeln. Glaubende, Nichtglaubende und auch Andersglaubende haben sich ans Werk gemacht, das religiös Gemeinsame zu entdecken.
Damit es gelingen kann, werden christliche Dogmen und Bekenntnisse, die das Verhältnis zu den Religionen belasten könnten, unter Verschluss gehalten oder auch ausgeschieden. Gottes »Ich bin der Herr, dein Gott!« wird ebenso wie Jesu Selbstzeugnis: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben«, als störend empfunden – stehen die Wort doch im Widerspruch zu der neuen Einsicht: »Wir glauben alle an den einen gleichen Gott«. Das »Alle-Miteinander« soll nun über die unterreligiösen Foren und Gottesdienste hinaus auch sichtbar in einem Haus, an dem Christen, Juden und Muslime gemeinsam Anteil haben, dokumentiert werden. Das Gebäude, das in Berlin auf dem Platz einer evangelischen Kirchengemeinde errichtet werden soll, soll weder Kirche noch Synagoge noch Moschee sein. Neutral wird die Stätte »The House of One« genannt. Was hier vor sich geht, ist weder neutral noch zufällig. Weltweit operierende Kräfte sind da am Werk – und schon phosphoreszieren am Stamm der Kirche in dunklem Glanz die Zeichen der neu zu gewinnenden Religiosität, die zinnstiftend in die Menschheit eintreten soll.
Wie ist nun das Bemühen um die Einheit der drei so genannten monotheistischen Religionen zu bewerten? Was ist zu der viel beschworenen »Abrahamitischen Religion« zu sagen, die das Chris tentum, das Judentum und den Islam gleichberechtigt nebeneinander stellt und einen neuen Gottesdienst etablieren will? Dürfen wir diesen Weg mitgehen? Die Antwort kann nur Nein heißen. Das Nein entspringt aber nicht einer feindlichen Gesinnung gegen Andersgläubige. Dieses Nein zu den Göttern, Götzen und Ideologien resultiert aus Gottes Selbstkundgabe und dem gehorsamen Hören auf sein Wort: »Ich bin der Herr, dein Gott […] Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« Auch Jesus stellt sich mit seinem Selbstzeugnis, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein, nicht in die Einheit mit den Religionen. Er steht ihnen als der Verkündiger des Reiches Gottes gegenüber. Sein Ruf zur Umkehr gilt auch den Religionen. Darum darf ihn die Christenheit nicht als einen Religionsstifter unter anderen mit den Religionen vereinen wollen. Jesus Christus ist kein Produkt menschlicher Religiosität. Er ist der von Gott Erwählte, dass durch ihn das Heil zu den Völkern und ihren Menschen komme und er ihnen den Zugang zu Gottes ewigem Reich öffne.
An dem Christus Gottes muss sich das Verhältnis der Kirche zu den Religionen entscheiden. Es geht um nicht weniger als um ein Entweder-Oder. Denn Gott hat die Götter und Götzen, die die Menschen binden und sie nicht für Jesus freigeben, verworfen. Der bekannte Theologe Adolf Schlatter stellt das, was da heute in der Kirche möglich geworden ist und den Gehorsam zum dreieinigen Gott unterläuft, unter das Wort: »Die Treue, die die Christenheit ihrem Herrn schuldet, verlangt von ihr, dass sie ihren Unterschied von allen anderen religiösen Versuchen mit offenem Bekenntnis sichtbar macht. Sie entfernt sich aber von Christus […], wenn sie sein königliches Recht verhüllt.«
Allen synkretistischen Anwandlungen in der Kirche ist darum zu widerstehen. Sie führen die Gemeinde in den Abfall vom lebendigen Gott und seinem Christus. Hirten der Gemeinde, die hier wanken und weichen, irritieren und ziehen Schuld auf sich. Denn der Herr der Kirche sieht darauf, ob die Diener der Kirche auf Gottes Wort achten und wie sie mit dem Gebot: »Ich bin der herr, dein Gott […] Du sollst keine anderen Götter haben neben mir«, umgehen. Bei allem, was sich auf dem Feld der Religionen tut, darf die Kirche, die den Namen Christi trägt, nie zulassen, dass der Gott der Bibel und sein Christus wie Gestalten behandelt werden, die
den Mythen grauer Vorzeit entsprungen sind und heute unter dem Diktat der neuen Religiosität nach Belieben und Gutdünken vermarktet werden können. Der dreieine Gott, der sich in seinem ewigen Sohn Jesus Christus offenbart hat, ist Person und Wille und in seinem Wesen nicht unterreligiös.

1) »Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!« (Lessing)


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