Christentum und Islam
Hanns Leiner +

Christentum und Islam
Versuch einer theologischen Auseinandersetzung


Mit dem Zeitalter der Globalisierung hat sich auch die Begegnung von Menschen ver­schiedener Religionen intensiviert. Das trifft besonders für unsere Begegnung mit dem Is­lam zu, dessen Anhänger in großer Zahl bei uns eingewandert sind. Deswegen versuche ich, in einer Reihe von Artikeln, einen kritischen Dialog zwischen dem christlichen Glau­ben und dieser Religion zu führen. Ich muß dabei eine Vorbemerkung machen: Ich schrei­be hier als Christ und evangelischer Theologe. Damit denke ich von dieser Voraussetzung her, doch ich halte mich deswegen nicht für befangen oder voreingenommen in diesem Gespräch, sondern gerade dazu berufen. Denn über Religion kann man nur sinnvoll spre­chen, wenn man selber eine, nämlich seine Religion hat. Wer selber keine Religion besitzt, der redet hier wie der Blinde von der Farbe. Es gibt hier keinen übergeordneten, neutralen Standpunkt.
Außerdem gilt eine Grundregel für dies interreligiöse Gespräch: Man kann sinnvollerwei­se jeweils nur eine Religion im Vergleich mit einer anderen behandeln, sonst werden es zu viele Gesichtspunkte und Fronten auf einmal. Darum beschränken wir uns hier auf Chri­stentum und Islam. Den Einwand, daß es den Islam so wenig gebe wie das Christentum, beantworte ich so: Das ist nur teilweise richtig, denn trotz allen Verschiedenheiten inner­halb jeder Religion besitzt doch jede jeweils eine charakteristische Grundstruktur, die sich deutlich von der anderen unterscheidet, die man aus ihren Offenbarungsquellen erheben und miteinander sehr wohl vergleichen kann. Ich halte mich deshalb hier an die Bibel und den Koran als Quellen für die Behandlung der beiden Religionen.
Das Verhältnis zum Islam wird noch dadurch erschwert und belastet, daß in allen Ländern, in denen er die Mehrheit besitzt, Christen einen schweren Stand haben bis dahin, daß sie unterdrückt, vertrieben, schikaniert, angeklagt, eingesperrt, ihre wenigen Kirchen ange­zündet und zerstört und sie selbst sogar mit dem Tod bedroht werden. Auf diesem Hinter­grund fällt es uns nicht leicht, ihnen Religionsfreiheit bei uns zu gewähren. Dennoch dür­fen wir als Christen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.
Der Grund für das Thema Islam liegt also in jeder Hinsicht nahe: Durch die sehr große Zahl von Zuwanderern aus islamischen Ländern ist er uns nahege­rückt, in Deutschland angekommen (obwohl er von der Geschichte und vom Wesen her nicht zu Deutschland gehört – ganz im Gegenteil!) und fordert uns heraus, verursacht auch bei uns eine Vielzahl von Fragen und Problemen.
Deshalb müssen wir ihn zur Kenntnis nehmen, ihn kennen lernen, und zwar eben als Reli­gion. Wir sind durch ihn gefragt, sogar in Frage gestellt und fragen unsererseits zurück. Wir müssen das Gespräch mit ihm aufnehmen, und es wird nicht so schiedlich-friedlich dabei zugehen können wie in Lessings Ringparabel: Dort werden die drei Religionen Ju­dentum, Christentum und Islam mit drei Ringen verglichen, die einander so sehr gleichen, daß man sie fast nicht unterscheiden kann. Doch das entspricht in keiner Weise der Wirk­lichkeit.
Dabei geht es uns hier ausschließlich um ein theologisches Sach- und Streitgespräch, um die Fragen des Glaubens und nicht um die Be­gegnung mit den Muslimen als Menschen. Dabei beschränke ich mich hier bewußt auf die theologische Auseinandersetzung.
Bei der Beschäftigung mit dem Islam macht man als Christ eine widersprüchliche Erfah­rung: Nämlich die der Nähe und Ähnlichkeit mit dem Christentum einerseits und zugleich die der Ferne und des Gegensatzes andererseits. Woher kommt dieser Widerspruch, wie läßt er sich erklä­ren? Was überwiegt dabei? Haben wir es mit „geschwisterlichen Religio­nen“ zu tun, die ihre gemeinsame Wurzel bei Abraham haben, in denen derselbe Gott ver­ehrt wird mit ein paar kleinen Besonderheiten, oder handelt es sich beim Islam um eine nachchristliche, sogar antichristliche Sekte, die das Ziel ihrer Weltherrschaft mit Fanatis­mus anstrebt und erkämpft und von daher uns Christen als Ungläubige ansieht und be­zeichnet, die sie entweder bekehren oder unterdrücken will?
Das Verhältnis beider Religionen läßt sich vor allem aus der Geschichte verständlich ma­chen: Denn es gilt, sich zu­nächst die wichtigste Tatsache in diesem Zusammenhang be­wußt zu machen: Der Islam ist eine nachchristliche Religion (ca. 600 Jahre nach Christus entstanden), übrigens die einzige nachchristliche Religion, die sich zu einer Weltreligion entwickelt hat.
Nachchristlich bedeutet, Mohammed, der Stifter dieser Religion, fand das Christentum vor, er kannte Juden und Chri­sten und erfuhr von ihnen vieles über deren Glauben. Das heißt, das mußte ihm nicht of­fenbart werden, das lernte er durch seine Begegnungen mit Juden und Christen. Er erfuhr es wohl aus Erzählungen, denn die Bibel selbst kannte er wahrscheinlich nicht; dazu sind seine Kenntnisse zu ungenau, lückenhaft und teilweise falsch.
Aus dieser Berührung mit den biblischen Religionen stammt vieles, was der Islam offen­sichtlich übernommen hat: Die Überzeugung von dem einen Gott, von der Schöpfung, von Gottes Weltregierung, Erhaltung, der Gesetzgebung und den Geboten Got­tes, dem Men­schenbild in der Verantwortung vor Gott, von der Verpflichtung der Menschen zum Ge­horsam gegen Gott und von ihrem Ungehorsam, von den Propheten und Engeln und schließ­lich von Gottes Gericht und Himmel und Hölle. Alle diese scheinbaren Überein­stimmungen oder Ähnlichkeiten zwischen Islam und Christentum erklären sich aus der Begegnung Mohammeds mit dem biblischen Zeugnis der Vorgängerreligionen ganz zwanglos und einleuchtend. Sie stammen aus biblischen Wurzeln. Deshalb hat man sich von Anfang gefragt, ob es sich beim Islam überhaupt um eine neue Religion handle und nicht vielmehr um eine Art Ableger des Judentums und des Christentums (Häresie).
Und woher kommen dann die Unterschiede? Mohammed übernahm nicht alles, er hatte auch einiges besonders am Christentum auszusetzen. Er behauptete, Juden und Christen hätten die Offenbarungen Gottes verändert und verfälscht. Das wollte er durch den Koran korrigie­ren, verbessern und so die richtige Religion wieder herstellen. Von daher stammt das stolze Überlegenheitsgefühl des Islam, die einzig wahre und endgültige Religion zu sein, das er sehr selbstbewußt vertritt. Dabei ging es ihm vor al­lem auch um die Rolle Mo­hammeds und seinen Anspruch, der letzte und endgültige Prophet zu sein, der Jesus überbieten will und ihn höch­stens als seinen Vorläufer gelten läßt.
Die Gegensätze zwischen Islam und Christentum entstehen also alle durch den Islam, der 600 Jahre nach Christus christliche Glaubensaussagen verändert und bestreitet und ihnen teilweise energisch wi­derspricht. Dabei läßt sich im Urteil Mohammeds über das Chri­stentum eine Entwicklung feststellen: An­fangs erkennt er beide anderen Religionen als Buchreligionen an und achtet sie hoch und hofft, von ihnen selber als Prophet anerkannt zu werden, dann wird er im Laufe seiner Wirksamkeit und seines wachsenden Erfolgs im­mer negativer und kritischer und bezeich­net Juden und Christen schließlich sogar als Un­gläubige. Für solche Veränderungen und Spannungen in den Offenbarungen des Islam gilt übrigens die islamische Auslegungsregel, daß die spätere Offenbarung im Koran die frü­here aufhebt.
Christen werden demnach in islamischen Gebieten zwar noch als Unterworfene (sog. dhimmis) geduldet, wenn sie die Herrschaft des Islam aner­kennen und Sondersteuern zah­len. Die Ausbreitung des Islam in christliche Gebiete brach­te jedoch langfristig schwere Verluste für die christliche Kirche mit sich. So kam es z.B. zum „Niedergang des orientalis­chen Christentums durch den Islam“ (Buchtitel von Bat Ye'or). Bei den eroberten und verlorenen christlichen Ländern handelt es sich um Palästina, Syrien, Irak, Ägypten und die ganze nordafrikanische Küste, lange Zeit sogar Spanien, sowie die heutige Türkei und Griechenland, das ehemalige oströmische Reich, sowie große Teile des Balkan.
Mit den theologischen Unterschieden und Gegensätzen zwischen Christentum und Islam werde ich mich jetzt im Folgenden einzel­n beschäftigen. Dabei hat man es mit einer grundsätzlichen Schwierigkeit zu tun: Jede der beiden Religionen ist ein Gesamtsystem, durch das alle einzelnen Aussagen ihren be­sonderen Stellenwert besitzen und von daher erst ihren Sinn erhalten. Aber man kann das Gan­ze nicht auf einmal aussagen. Deshalb ist man gezwungen, doch zunächst die Einzelheiten zu behandeln und daraus sich ein Ge­samtbild zu entwerfen.
Wegen der Fülle des Stoffes und der Vielzahl der Fragen vermag ich sie hier nur sehr knapp darzustellen und muß gewissermaßen holzschnittartig argumentieren. Denn eigent­lich handelt es sich um ein Thema, das für ein ganzes Buch oder eine Vorlesungsreihe hin­reichend wäre. Ich darf mir aber diese Verknappung erlauben, weil ich hinweisen kann auf acht Faltblät­ter zum Gespräch mit dem Islam1. Beginnen möchte ich mit dem für uns Christen nächstliegenden und wichtigsten Thema, nämlich mit der Gestalt Jesu Christi; das liegt auch deshalb nahe, weil er unter dem Na­men Isa im Islam ebenfalls vorkommt.

Gegenüberstellung der theologischen Grundaussagen von Christentum und Islam in einzelnen Abschnitten

1. Jesus oder Isa
Das christliche Jesusbild:
Dazu nur ein paar Bemerkungen, da ich das als weithin bekannt voraussetzen kann: Das Bild, das uns die Evangelien von Jesus zeichnen, ist anschaulich, lebendig, persönlich, wir erfahren viel von Namen der Personen und Orte seiner Wirksamkeit in Galiläa und ein­drucksvolle Geschichten. Wir erleben ihn als einfühlsam, liebevoll, voll Zuwendung zu den Men­schen, besonders zu den Kleinen, Armen, Kranken, Ausgestoßenen, schuldig Ge­wordenen und Verlorenen, sogar zu Heiden. Es ist ihm darum zu tun, ihnen zu helfen, sie zu heilen, zu speisen, ihnen ihre Schuld zu vergeben, sie anzunehmen und so zu retten: „Des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10).
Wir erfahren von seiner engen, vertraulichen Verbundenheit mit Gott, den er „seinen himmlischen Vater“ nennt und dessen Nähe er verkündigt und verkörpert, dessen Kom­men die Menschen zur Umkehr ruft, aber nicht als Gericht, sondern als Heimkehr. Gott zeichnet er als liebevollen, mitfühlenden und mitleidenden Vater, etwa im Gleichnis von der Heimkehr des verlorenen Sohnes; Seine Herrschaft und ihr Kommen beschreibt Jesus als Freuden- und Hochzeitsmahl, zu dem alle geladen sind, gerade auch die Fernen. Sein Kommen kündigen Zeichen der Rettung und Heilung an (Jesu Wunder).
Diese dienen allerdings nicht ihm selbst als Wunderzeichen und -beweise, sondern den Geheilten als Zeichen der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit. In alledem kommt bei Je­sus Gottes Barmherzigkeit mit den Menschen und seine eigene zum Ausdruck. Von Gott und Jesus wird das herrliche „es jammerte ihn seiner“ ausgesagt: „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut, wie Schafe, die keinen Hir­ten haben“ (Mt 9,36). Die Mission Jesu wird besonders im Johannesevangelium zusam­mengefaßt als göttliche Liebe: „Wie er die Seinen geliebt hatte, … so liebte er sie bis ans Ende“ (13,1-2). Und: „Niemand hat größere Liebe als die, daß er sein Leben läßt für sei­ne Freunde“ (15,13).
Auch sein Gang ans Kreuz ist nichts anderes als die Konsequenz seiner liebenden Selbst­hingabe und Solidarität mit den Menschen: „Christus lebt in mir … der mich geliebt hat und hat sich selbst für mich dahingegeben“ (Gal 2,20).
Darum ist die Nachricht von Jesus für uns insgesamt eine Heils- und Rettungsbotschaft, eine Freudenbotschaft und heißt deshalb im Neuen Testament Evangelium. Alles ist hier für uns auf den Ton der Freude gestimmt: Schon bei Jesu Geburt verkündet der Engel: „Siehe, ich verkün­dige euch große Freude ...“; und in seinem Le­ben wie im Gleichnis: „Freut euch mit mir … So wird Freude im Himmel sein … und sie fingen an fröhlich zu sein … Du solltest aber fröhlich sein … , denn dein Bruder war verloren und ist wiedergef­unden worden!“(Lk 15,6,9,24,32) Darum dichtet Luther mit vollem Recht in seinem persönlichsten Lied: „Nun freut euch, lieben Christen g'mein und laß uns fröhlich sprin­gen, daß wir getrost und all' in ein mit Lust und Liebe singen, was Gott an uns ge­wendet hat und seine süße Wundertat, gar teu'r hat er's erworben“ (EG 341,1).

Der islamische Isa:
Jesus kommt in einer Reihe von Stellen im Koran unter dem Namen Isa vor, aber von ihm werden keine Geschich­ten erzählt, keine Namen (außer dem seiner Mutter Maria), sein Leben und Wirken wird wenig anschaulich, man findet davon nur einen blassen Abglanz. Le­diglich die Geburts­geschichte wird etwas ausgeführt und dabei sogar die Jungfrauenge­burt erwähnt und be­jaht, die jedoch im Koran für das Wesen des Jesuskindes nichts aus­macht; sie ist lediglich Ausdruck für die absolute All­macht Allahs. Die Jungfrauengeburt begründet also im Islam nicht etwa die Gottes­sohnschaft Isas. Außerdem wird die Ge­burtsgeschichte legendenhaft ausgeschmückt (nach dem apokry­phen Kindheitsevangelium des Thomas): Der Säugling Jesus spricht schon in der Wiege und das Kind zaubert mit Tonvögeln, die es lebendig werden läßt. Außerdem sagt schon der Säugling Isa genau das, was Mohammed über ihn behauptet: Daß er nur ein Diener/Knecht Allahs sei (Sure 19,16-35; Sure 3,42-43).
Beim erwachsenen Isa werden zwar seine Jünger erwähnt, jedoch ohne ihre Namen zu nennen. Jesus wird hauptsächlich als Prophet/Gesandter Allahs verstanden, der im Evan­gelium (das Mohammed fälschlicherweise für ein Gesetzbuch hält) angeblich die gleiche Botschaft bringt wie Mohammed selbst. Als solcher Vorläufer wird Isa durchaus aner­kannt und geehrt. Er hat aber nichts Neues und Eigenes zu sagen, er verkündet nur, was alle Propheten vor ihm (nach dem Is­lam) schon gesagt haben: Gottes Einzigkeit und All­macht und seinen Willen. Deswegen heißt er hier „ein Bestätiger der Tora“, der auch ein Gesetzbuch erhält wie Mose und Mo­hammed (S. 3,43). Deswegen ermahnt der Koran die Christen: „O Volk der Schrift, überschreitet nicht euern Glauben und sprecht von Allah nur die Wahrheit. Der Messias Isa, der Sohn der Maria, ist der Gesandte (Prophet) Allahs und sein Wort, das er in Maria gelegt hat und Geist von ihm. So glaubt an Allah und an seinen Gesandten und sprecht nicht „Drei“. Stehet ab davon, gut ist's euch. Allah ist nur ein einiger Gott ... Nimmer ist der Messias zu stolz, ein Diener Allahs zu sein …“ (S. 4,169-170).
Damit mißversteht Mohammed die Bedeutung und der Sinn des Evan­geliums von Jesus Christus völlig. Ent­sprechend fällt im Islam bei Isa das eigentliche Evangelium als Freu­denbotschaft unter den Tisch. Isa wird zum reinen Gesetzesprediger wie Mose und Mo­hammed.
Pauschal werden wohl auch die Wunder Jesu erwähnt, aber entgegen ihrem biblischen Sinn als Wunderbeweise für Jesus umgedeutet. Sie heißen im Koran öfter „deutliche Zei­chen“ (S. 2,81, 254). Ihre Bedeutung für die Geheilten fällt dabei weg, sie spielen nur eine Rolle für Jesus selber. Sie sollen ihn als Propheten Allahs bestätigen. Isa weigert sich nicht (wie der biblische Jesus), die Zeichenforderung der Menschen zu erfüllen.
Der schwerstwiegende Unterschied zum biblischen Jesus ist jedoch die Bestreitung des Kreuzestodes Isas im Koran: „Und sie (=die Juden) sprachen: 'Siehe, wir haben den Mes­sias Isa, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs ermordet' – und doch ermordeten sie ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern einen ihm ähnlichen ...“(S. 4,156). Diese Leugnung des Kreuzes kann Mohammed nicht auf­grund von zuverlässigen historischen Nachrichten ausgesprochen haben. Er kann im Abstand von 600 Jahren nach der Passion Jesu nicht über bessere Informationen als die Evangelien und das übri­ge Neue Testament verfügen, in dem der Kreuzestod Jesu mehr als sechzig Mal erwähnt wird. Hinter der Ab­lehnung des Kreuzes steht bei Mohammed vielmehr seine theologische Überzeugung, daß nämlich Allah seine Boten nicht scheitern läßt, daß also „nicht sein kann, was nicht sein darf“(Chr. Morgenstern). Mohammed ertrug das Kreuz des Propheten Isa nicht, ärgerte sich daran und erwies sich dar­in als Feind des Kreuzes Christi, wie Paulus schreibt: „Denn viele leben so, daß ich euch oft von ihnen gesagt habe, nun aber sage ich's unter Tränen: sie sind die Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18; vgl. auch 1.Kor 1,23). Mohammed behauptet sogar, daß Isa am Ende der Tage wieder­kommen und alle Kreuze zerstören und dann den Islam verkündigen werde.
Dies sind die wesentlichen Aussagen, die sich im Koran über Isa finden. Der Gesamtein­druck ist dürftig. Hier fehlt vieles, ja wesentliches. Der Islam bietet uns von Jesus kaum mehr als ein dürres Gerippe, ihm fehlt hier jede Lebendigkeit, auch jede Anteilnahme oder Zuwendung zu den Menschen. Ihm fehlt insbesondere das Wesentliche: die Liebe und Barmherzigkeit, mit der Jesus den Verlorenen nachgegangen ist: „Des Menschen Sohn ist gekommen zu su­chen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10).
In dem Zerrbild, das der Koran von Jesus zeichnet, ist der Jesus von Nazareth des Neu­en Testaments nicht wiederzuerkennen. Mohammed hat ihn verändert, verkürzt, verfälscht und nach seinem eigenen Vorbild und seiner Vorstellung von Propheten umgeformt: Er hat ihn in die lange Reihe der Propheten Allahs eingereiht und als seinen letzten Vorläufer zwar anerkannt, aber damit doch herabgestuft: Mohammed meint als „Siegel der Prophe­ten“ Jesus überbieten zu können. Dabei kann er ihm in Wahrheit nicht das Wasser reichen: Man denke nur an das Thema von Gewalt und Gewaltlosigkeit: Während Mohammed sich ungeniert der kriegerischen Gewalt bediente, ging Jesus den Weg der Gewaltlosigkeit und darum des Leidens. Er wollte lieber Unrecht leiden als Unrecht tun.

2. Gottesverständnis oder -erkenntnis:
Es gibt natürlich nicht zwei Götter, aber unser Gottesglaube ist doch – trotz ein paar Ähn­lichkeiten – grundlegend verschieden.

Christlich:
Es geht bei unserem Gottesglauben nicht in erster Linie um Gottes Herrschaft und Herr­lichkeit, sondern um seine Gemeinschaft mit uns und die unsere mit ihm. Wenn auch Je­sus die Nähe der Königsherrschaft Gottes verkündigt hat, so ist es doch die Herrschaft des barmherzigen Vater und nicht die des strengen Weltenrichters, die er damit meint.
Von Jesus her wird der ganze christliche Glaube entworfen und geprägt, also besonders auch das christliche Gottesverständnis. Dabei wiederholt Jesus nicht nur das, was vom Al­ten Testament her bekannt und allgemeines jüdisches Erbe ist: Gott als Schöpfer, Welten­herrscher, Gesetzgeber und Richter, vielmehr bezeugt er Gott als seinen barmherzigen Vater. Denn Jesus war und ist weit mehr als ein Pro­phet und Gesetzesprediger. Er hat von Gott nicht nur gepredigt, sondern er hat ihn in seinem Leben und Wirken vergegenwärtigt und ver­körpert.
Allen, die ihm begegnet sind, ist das aufgegangen: „Er predigt (und handelt) gewaltig, mit Vollmacht und nicht (nur) wie die Schriftgelehrten“(Mk 1,22). Zu seinem vollmächtigen Tun ist er entweder wirklich von Gott legitimiert, oder er ist ein sich Gottes Autorität an­maßender Gotteslästerer: „'Mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben'. Es saßen aber ei­nige Schriftgelehrten und dachten in ihren Herzen: Wie redet er so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ (Mk 2,5-7). Mit aller Selbstverständ­lichkeit stellt Jesus seine Autorität über die des Mose und der Tora: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten ge­sagt ist: Du sollst nicht töten! … Ich aber sage euch...“ (Mt 5,21-22, Antithesen der Berg­predigt). Sein Auftreten löst daher bei den Menschen, Anhängern und Gegnern, Stau­nen und Anerkennung, Er­schütterung, Entsetzen oder auch Ärgernis aus. „... als Jesus sei­ne Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Rede“ (Mt 7,28-29). Oder es heißt nach einem Wunder: „So et­was haben wir noch nie gese­hen“ (Mk 2,12;). Das wie­derholt sich: „Alle wunderten sich, daß solche Worte aus seinem Munde ka­men ...“ (Lk 4,22). „So daß sie sich entsetzten und fragten: Woher hat dieser solche Weisheit und sol­che Taten?“ (Mt 13,54)
Man fing also an, über ihn zu rätseln und zu fragen: Wer ist das? Woher hat er das, woher nimmt er sich solche Vollmacht? Diese Fragen provozierte Jesus durch sein Verhalten und durch seine Predigt. Die Antwort darauf lieferte er nicht gleich selbst, die mußten die Menschen selber finden (Man nennt das „indirekte Christologie“). Sie taten das, indem sie ihm viele verschiedene Hoheitsti­tel und Würdenamen gaben, zunächst aus der jüdischen Tradition, später auch aus den heidnischen Vorstellungen (F. Hahn: Die Hoheitstitel Jesu).
Im einzelnen sind die­se Titel sehr unterschiedlich, aber ei­nes ist doch klar: Um Jesus wal­tete ein Geheimnis, er war etwas Besonderes, einer, der auffiel und ei­gentlich in kein Sche­ma paßte, vielmehr alle Kategorien sprengte, weil er in einzigartiger Weise mit Gott verbunden war. Das findet seinen Ausdruck darin, daß er Gott sehr vertraulich „mein himmlischer Vater“(Mt 10,32 u.ö.) nannte und das seinen Jüngern so erklärt: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn, als nur der Vater; und nie­mand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will“ (Mt 11,27).
Daraus entstand die christliche Erkenntnis und das christliche Bekenntnis, daß Jesus mehr ist als ein Prophet, mehr als ein Schriftgelehrter, vielmehr der Sohn Gottes war und ist. Wir Christen glauben also, daß Gott in Jesus die Sehnsucht der Menschen nach seiner endgültigen Selbstoffenbarung erfüllt hat, daß er in ihm aus seiner Verborgen­heit heraus­getreten ist und sich selbst in der Welt ein für alle Mal gezeigt hat: „Das Wort ward Fleisch (Mensch) und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlich­keit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Jesus ist der Mensch gewordene Gott. In ihm hat uns Gott sein Wesen offen­bart. In ihm haben sich Gottes Transzendenz (Jenseitigkeit) und Immanenz (Diesseitig­keit) miteinand­er ver­bunden. Bei ihm trifft zu: „Niemand (anderer) hat Gott je gesehen; der eingebo­rene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündet“ (Joh 1,18).
In Jesus Christus sind Gottheit und Menschheit in einmaliger Weise miteinander verbun­den. Er bringt uns den fernen Gott nahe. Er ist also genau der Mittler zwi­schen Gott und uns, den wir brauchen, um Gott zu finden und ihm nahe zu kommen. In ihm geschieht das Wunder der Inkarnation (Ver­leiblichung) Gottes, auf das wir unbedingt angewiesen sind, um mit Gott in Verbindung zu kommen. Darum ist die Rede davon, daß Jesus Gottes Sohn ist, für unser Gottesverständ­nis unerläßlich. Im Menschen Jesus kommt uns Gott ganz nah, in ihm geht uns Gott erst richtig auf. Das hat seinen Niederschlag im ganzen Neuen Testament gefunden: Im Ange­sicht Jesu Christi erkennen wir Gott: Es kommt zur „Er­kenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (2. Kor 4,6). „Er ist das Eben­bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15). „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines We­sens“ (Hebr 1,3). Er schlägt die Brücke zwischen Gott und uns, er ver­bindet uns mit Gott, er versöhnt uns mit ihm, er hilft uns dazu, daß wir Gott vertrauen und lieben können. In ihm berühren sich Himmel und Erde in einmaliger Weise. Er ist für uns Menschen der Weg und Zugang zu Gott, die Erscheinung Gottes in der Welt, die Vermitt­lung des Getrennten, die Offenbarung des Verborgenen. Denn in Jesus lebt Gott, darum darf er sagen: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30) und „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9). Das heißt: Wenn wir wissen wollen, wer und wie Gott wirklich ist, und wie wir mit ihn daran sind, dann müssen wir auf Jesus schauen und hören. Das ist an ihn gebunden.
Von Jesus her wird daher das christliche Gottesverständnis auf charakteristische Weise ge­prägt. Ganz vereinfacht ausgedrückt darf man als Christ sagen: So wie Jesus, so ist und handelt Gott. Gott bekommt ein geradezu menschliches Wesen und Gesicht durch ihn. Da­bei überwiegen die Züge der Freund­lichkeit, Liebe und Barmherzigkeit Gottes die der Strenge und Gerechtigkeit. Das ist nicht völlig neu in der Bibel. Jesus knüpft hier an Aus­sagen des Alten Bundes an und bestätigt sie: Gott sucht von An­fang an sogar den schuldig gewordenen Men­schen: „Adam, wo bist du?“ (1. Mose 3,9), er schließt mit ihm sei­nen Bund (1. Mose 15,18 u.ö.), schützt und segnet ihn (1. Mose 12,3) und liebt ihn (Hosea 2,21; 11,1) und hält ihm die Treue. Er vergibt sogar dem irrenden Menschen seine Schuld. Darum heißt es von ihm schon im Alten Testament wiederholt: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, ge­duldig und von großer Güte“ (Ps 103,8).
Dieser Zug wird bei Jesus noch dahingehend verstärkt, daß man sogar von einem „Herun­terkommen“ Gottes sprechen kann, von seiner Kondeszendenz, von einer Selbstentäuße­rung und einem „Gewaltver­zicht“ Gottes. Dafür ist der ganze Lebensweg Jesu ein einzi­ges, großes Zeugnis: „Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an … erniedrigte sich selbst und ward gehor­sam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (Phil 2,7-8). Darin liegt das Einmalige und Revolutionäre im christlichen Gottesbegriff, daß es hier gewagt wird, Gottes Wesen als Liebe zu beschreiben: „Gott ist die Liebe ...“ (1. Joh 4,16) und die­se seine Liebesfähigkeit mit seiner Leidensfä­higkeit in Verbindung zu bringen: „Gottes Sein ist im Leiden, und das Leiden ist in Gottes Sein selbst, weil Gott Liebe ist“ (J. Molt­mann: Der gekreuzigte Gott, S. 214); So hat das schon M. Luther in seinem persönlichsten Lied besungen: „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit und wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ's sein Bestes kosten. Er sprach zu seinem lieben Sohn: „Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin mein's Herzens werte Kron und sei das Heil dem Ar­men ...“ Der Sohn dem Vater g'horsam ward, er kam zu mir auf Erden von einer Jungfrau rein und zart; er wollt mein Bruder werden. ... Er sprach zu mir: „Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen, ich geb mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen; denn ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein, uns soll der Feind nicht scheiden. Vergießen wird er mir mein Blut, dazu das Leben rauben, das leid ich alles dir zugut, das halt mit festem Glauben … da bis du selig worden““ ( EG 341,4-8!) So sind für uns Gott und Jesus Christus untrennbar miteinander verbunden. Darum hängt für uns und un­ser Heil alles an Jesus Christus. Das macht die Lebendigkeit und Menschenfreundlich­keit des christlichen Gottesbildes aus. Jesus verkündigt uns und verbürgt uns, daß Gott von dem gleichen Erbarmen erfüllt ist wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn: „Als er (der heimkehrende Sohn) noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jam­merte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn“ (Lk 15,20). Wir sehen als Chri­sten Gott als den Vater Jesu Christi und unseren Vater. Das raubt ihm nichts von seiner Größe, Erhabenheit, Macht, Heiligkeit und Herrlichkeit, aber es verbindet das alles mit der Liebe Got­tes, so wie es G. Tersteegen singt: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus of­fenbart“. Denn es ist die „Liebe Gottes die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,39).

Islamisches Gottesverständnis:
Gerade diese Kondeszendenz (dieses Herabsteigen) Gottes ins Menschliche durch Jesus wird im Islam aus­drücklich und wiederholt bestritten und als Beleidigung Allahs hinge­stellt. Ihr wird entge­gengehalten die einsame, transzendente Einzigkeit Allahs: „Es gibt keinen Gott außer Al­lah ...“ Isa ist nicht sein Sohn, und Allah nicht sein Vater (und schon gar nicht unserer).
Für das Gottesverständnis des Islam kennzeichnend und entscheidend ist also seine Ein­zigkeit. So ergeht die Aufforderung an Mohammed: „Sprich: Er ist der eine Gott, der ewi­ge Gott, er zeugt nicht und wird nicht gezeugt, und keiner ist ihm gleich“ (Sure 112,1-4). Genau das hebt auch das islamische Glaubensbekenntnis hervor: „Es gibt keinen Gott au­ßer Allah ...“ Fast wörtlich stimmt damit eine andere Sure überein: „Er ist Allah, außer dem es keinen Gott gibt … (S. 59, 23,24).
Damit greift der Islam bestätigend das jüdische Urbekenntnis auf, das „Sch'ma Jisrael ...“: „Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, ein einiger (oder einziger) Jahwe“ (5. Mose 6,4). Das schreibt auch das 1. Gebot zwingend vor: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir!“ (5. Mose 5,7).
Daraus ergibt sich für Judentum und Islam mit innerer Notwendigkeit Gottes Überlegenheit über alles, seine uneingeschränkte Macht und Herrschaft: Darin sieht darum der Islam die wesentliche Eigenschaft Allahs: in seiner Allmacht. Das findet seinen Ausdruck auch in dem häufig wiederholten Gebetsruf und Bekenntnis: „Allahuakbar!“ (Allah ist größer, nämlich größer und mächtiger als alles andere).
Das zeigt sich vor allem in seinem Wirken als Schöpfer: Hier waltet er völlig souverän: „Und er ist's, der da schuf, Himmel und Erde in Wahrheit, und an dem Tage, da er spricht: „Sei!“, so ist's“ (S. 6,72). Allah besitzt die absolute Macht, zu tun, was er will. Er herrscht darum als unumschränkter Herr und Herrscher über die ganze Welt und alle Menschen.
Er teilt den Menschen seinen Willen mit und läßt sie durch seine Boten (=Propheten) vor Ungehorsam warnen und zum Gehorsam aufrufen und auffordern. Er wird dann am Ende der Tage als „Herrscher am Tage des Gerichts“ entscheiden und gerecht und unbestechlich feststellen (lassen), ob jeder einzelne Mensch seinen Willen genügend erfüllt hat, um ihm Eingang ins Paradies zu gewähren, (wenn dies nicht gar schon von Ewigkeit her vorherbe­stimmt ist).
Aber das eigentliche Wesen Allahs bleibt in seiner himmlischen Ferne und Überlegenheit verborgen für die Menschen. Im Koran finden sich aber viele Namen für Allah, aus denen man vielleicht etwas über sein Wesen erkennen kann. Die islamische Tradition hat 99 sog. herrliche oder schönste Namen zusammengestellt. Doch das ist fast des Guten zu viel, denn man verliert dabei leicht den Überblick und vor allem sind es ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Eigenschaften, die darin von Allah ausgesagt werden: Neben seiner im­mer wieder betonten Macht tauchen so positive Aussagen auf wie: er ist der Treue, der fürsorgliche Bewahrer, der Freundliche, der Sanftmütige, der Barmherzige, sogar der Ver­gebende heißt er. Das wird jedoch dadurch in Frage gestellt und zum Problem, daß dane­ben auch durchaus negative Eigenschaften aufgezählt werden: Der Erniedrigende, der Demütigende, der Eroberer, der Tötende, der Rächer, der Schaden Verursachende, der Verbietende, der Verhinderer, der Listenreiche o.ä.
Wie paßt das zusammen? Was gilt am Ende? Woran kann man sich bei Allah halten? Auch seine „schönsten Namen“ geben uns deshalb leider keine klare Auskunft über sein Wesen. Allah bleibt der ganz Andere, der Unerforschliche, der Ferne, der unbekannte Gott. „Damit sind wir bei der Kernaussage des Islamtheologen Al Razali angekommen, der viel über die 99 Namen Allahs meditiert hatte und dann schrieb, daß sie alles und nichts bedeuten, daß ein Name Allahs den anderen aufhebt und eine Eigenschaft von der anderen überdeckt wird. Kein Mensch kann Allah begreifen“ (Abd-al-Masih: Wer ist Al­lah im Islam?, S. 23)
Dieser zwiespältige Eindruck von Allah ergibt sich bei genauerem Hinsehen auch sonst: Einerseits wird er in der Einleitung fast jeder Sure als der „barmherzige Erbarmer“ be­zeichnet, andererseits begegnet er einem im Gericht als der genaue und strenge und uner­bittliche Richter. Einerseits ist von seiner Rechtleitung für die Frommen die Rede, ande­rerseits heißt es aber auch: „Er läßt irren, wenn er will und er leitet recht, wen er will“ (S. 16,95). Ja das wird sogar noch härter ausgedrückt: „Wenn wir (=Allah) gewollt hätten, dann hätten wir einem jeden seine Rechtleitung gegeben. Jedoch soll das Wort von mir wahr werden: Ich werde die Hölle voll machten mit Geistern und mit Menschen“ (S. 32,13). Das heißt: Allah will es so und er will z.B. gerade das nicht, was es von Gott im Neuen Testament heißt: „Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“(1. Tim 2,4).
Die einzelnen Muslime wissen also nicht, zu welcher Gruppe sie gehören. Keiner weiß, wie er mit Allah daran ist, ob seine Bemühungen um Gehorsam genügen und ob er also hoffen darf, im Gericht zu bestehen. Es steht alles letztlich unter einem großen Vorbehalt, einer für den Menschen schrecklichen Ungewißheit, es gilt nur “Wenn Allah will“. Von Liebe Allahs zu den Menschen ist nur wenig die Rede, und wenn, dann eher auf negative Weise: „Allah liebt nicht die Ungerechten“ (S. 3,50 u.ö.). Es bleibt auch ganz offen, ob Allah am Schicksal der einzelnen Menschen Anteil nimmt oder ihm etwas an ihnen liegt. In einem Hadith (einem alten Traditionsspruch) heißt es sogar: „Bei der Schöpfung nahm Allah einen Erdenkloß, teilte ihn in zwei Teile, warf den einen in die Hölle und sprach: „Diesen in das ewige Feuer, was kümmert's mich?“ Und er warf den anderen in den Him­mel und sprach: „Diesen in's Paradies, was kümmert's mich?““ (nach E. Kellerhals, Der Islam, S. 74). Danach nimmt Allah keinerlei Anteil am Los seiner Geschöpfe. Er ist von einer erhabenen, aber auch zugleich fürchterlichen Unbeteiligtheit ihnen gegenüber. Ganz im Unterschied zu dem Bild, das Jesus von Gott zeichnet im Gleichnis vom verlorenen Sohn: „Es jammerte (=kümmerte) ihn (den Vater), als er seinen heimkehren­den Sohn sah“ (Lk 15,20). Was bedeutet auf diesem Hintergrund dann die Aussage von Allah als dem „barmherzigen Erbarmer“? Um ein „herzliches Erbarmen“ (Lk 1,78), wie es von Gott in der Bibel bezeugt wird, kann es sich bei Allah nicht handeln. Sein „Erbar­men“ hat ja mit seinem Wesen nichts zu tun. Er zeigt es, wann und wem er will, das läßt sich nicht voraussagen, man kann sich darauf nicht verlassen. Dies „Erbarmen“ gleicht al­lenfalls der Geberlaune eines großen Herren.
Allah bleibt also für die Menschen unnahbar, unbekannt und fast unpersönlich, er tritt den Beweis für seine Barmherzigkeit eigentlich nie an. „Auf jeden Fall gilt, daß die Barmher­zigkeit Allahs kein brennendes Erbarmen für die … Verlorenen ist“ (J. Baur: Der christli­che Gottesglaube angesichts der Herausforderung durch den Islam, S. 162). Der Islam macht das Herzstück des christlichen Gottesglaubens zunichte: die liebe­volle väterliche Zuwendung Gottes, besonders zu den Verlorenen. Vater dürfen Muslime übrigens Allah darum nicht nennen, das wäre viel zu vertraulich und „familiär“. Diesem übermächtigen, fernen Gott ist der Mensch als Sklave ausgeliefert und muß ihm dienen. Dabei will Allah nicht in erster Linie Liebe vom Menschen, sondern Gehorsam und Unterwerfung (Gebets­haltung!).
Aus all dem G,esagten ergibt sich eindeutig und klar, in Allah vermögen wir den Vater Jesu Christi nicht wieder zu erkennen, d.h. islamisches und christliches Gottesverständnis oder Gottesglaube sind himmelweit voneinander verschieden. Deswegen sind uns auch ge­meinsame Gebete und Gottesdienste unmöglich.
Das alles sind die einschneidenden und verhängnis­vollen Folgen der islamischen Bestrei­tung der Gotteserkenntnis in Jesus Christus. Wenn man die entscheidende Offenbarung Gottes in Jesus streicht, dann bleibt von der eigentli­chen Gotteserkenntnis so gut wie nichts übrig. Nichts als die Überlegenheit, Unsichtbar­keit, Unzugänglichkeit und also Fremdheit Allahs. Er bleibt natürlich immer oben, er steigt nicht herab, er tritt nicht wirk­lich aus sich heraus, er gibt nichts von sich selbst preis, er kümmert sich nicht um die Menschen, er liebt nicht wirklich, er schließt keinen Bund mit einem Volk oder einzelnen, er ist darum zu nichts verpflichtet, er bindet sich nicht, er hat kein „Herz“.
Damit rückt Allah im Vergleich mit dem christlichen Gott in weite Ferne, er verschließt sein Wesen vor uns, er hat keine persönliche Beziehung zu uns. Allah zieht sich gleichsam in den Himmel zurück und wird wieder ganz zu dem, den Luther den „verborgenen Gott“ genannt hat. Ihn kann man nicht verstehen, darum eigentlich auch nicht lieben, man muß ihn aber fürchten. Das soll man wohl auch. Vor allem soll man sich ihm unterwerfen.
Mohammed ließ von dem biblischen Gott nur diesen fernen Allah in seiner unnahbaren Distanz zum Menschen übrig, während Jesus der Prediger und Offenbarer des nahen, menschenfreundlichen Gottes war. Damit dürfte hinreichend deutlich geworden sein, daß es sich um zwei völlig verschiedene Gottesvorstellungen handelt.

3. Das Menschenbild:
In beiden Religionen ist der Mensch Gottes besonderes Geschöpf, aber doch wird das Gottesverhältnis des Menschen und sein Wesen ganz anders gesehen.

Das christliche Menschenbild:
Der Mensch ist geschaffen als „Gottes Ebenbild“, und zwar ausdrücklich beide Ge­schlechter, Mann und Frau. Von daher ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau von Anfang an biblisch begründet. Der Mensch ist von daher be­stimmt zur Gemeinschaft mit Gott, er soll als Partner und Stellvertreter Gottes auf Erden leben. Er soll der „Gott entsprechende Mensch“(E. Jüngel) sein. Diese Beziehung des Menschen zu Gott ist grundlegend für sein Wesen und macht seinen Adel aus: „Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt“ (Psalm 8,5,6). Nur von Gott her kann deshalb der Mensch und sein Wesen richtig verstanden werden. Gott will sogar unser Vater heißen und wir dürfen seine Kinder, sei­ne Söhne und Töchter sein. Der Kirchenvater Au­gustin hat diese Urbeziehung des Menschen zu Gott in seiner gebetsartigen Antwort bestä­tigt: „Du, Gott, hast uns zu dir hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig in uns, bis es Ruhe findet in dir.“ S. Kierkegaard faßte dies Verhältnis des Menschen zu Gott in einem scheinbar paradoxen Satz zusammen: „Gottes zu bedürfen ist des Menschen größte Voll­kommenheit.“
Das christliche Menschenbild darf jedoch nicht einlinig nur als Gottes Ebenbild gezeichnet werden, sondern es muß in seiner geschichtlichen Entwicklung in drei Phasen gesehen werden: als ursprüng­liches Geschöpf, als gefallener Sünder und als erlöster neuer Mensch:
1. Von der Schöpfung her ist der Mensch Gottes wichtigstes Geschöpf, das nicht zufällig am Ende der Werke Gottes steht und im Zentrum der Betrachtung (s.o.!).
2. Der Mensch hat jedoch dieser seiner Bestimmung zur Gemeinschaft mit Gott nicht ent­sprochen, sondern er hat Gott mißtraut, sich von ihm getrennt und wollte selber wie Gott sein: Er ließ sich von einer verführerischen Stimme verlocken: „Ihr werdet sein wie Gott sein...“(1. Mose 3,5). So wurde er zum von Gott abgefallenen Sünder: Damit veränderte sich sein ganzes We­sen. Deshalb ist nach christlichem Verständnis mit dem Menschen et­was grundlegend nicht in Ordnung. Er ist nicht nur getrennt von Gott, sondern auch vom Mitmenschen, von den übrigen Geschöpfen und gespalten in sich selbst: Er wurde zum „Menschen im Widerspruch“ (E. Brunner). Das bezeugt die Bibel an vielen Stellen: „Als aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar...“ (1. Mose 6,5). Das bekennt auch David in seinem Bußpsalm (Ps 51). Darüber klagt auch der Apostel Paulus: „Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen, das tue ich nicht ...“ (Röm 7,18-19). Und diese demütigende Erkenntnis mußte auch Luther machen in seinen Klosterkämpfen, und das hat darum auch seinen Nie­derschlag gefunden in unserem Augsburger Bekenntnis: „Daß alle Menschen von Mutter Leib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur aus keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können ...“ (Artikel 2). Kurz und hart zusammen­gefaßt bekennt sich Luther dazu so: Ich bin „ein verlorener und verdammter Mensch“(Kleiner Katechismus). Darin besteht die eigentliche Not und Tragödie des Menschseins. Das wird heute oft übersehen und geleugnet. Darum mußte ich es hier ausdrücklich und ausführlich erwähnen.
3. Das vermögen wir von uns aus nicht mehr rück­gängig zu machen. Darum bedarf der Mensch der Rettung und der Erlösung. Darauf ist der Sünder Mensch unbedingt angewie­sen. Die Sünde ist so schwer­wiegend, daß keine Selbsterlösung des Menschen möglich ist. Die Rettung geschieht eben durch Jesus Christus, der als erster und einziger wahrer Mensch auf Erden ge­lebt und das von Gott gewollte Bild des Menschen wiederhergestellt hat. Das ist gemeint mit der Aussage über ihn: Er blieb trotz aller Versuchung ohne Sünde, das heißt ungetrennt von Gott. Er kann und will denen, die ihm nachfolgen und an ihn Glauben, den Weg zurück zu Gott bahnen und uns wieder mit Gott versöhnen. Er büßt für unsere Sünden, er nimmt sie uns ab und vergibt uns. Damit schenkt er uns seine Ge­rechtigkeit und will uns verändern, erneuern, neu schaffen. Wir sollen ihm gleichgestaltet werden (Röm 8,29). Das wird auch ausgedrückt mit dem Bild unserer Wiedergeburt (Joh 3,5) oder sogar mit einer Neuerschaffung: “Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur ...“(2.Kor 5,17). Der Mensch ist nicht unrettbar verloren, sondern er kann der durch Christus gerettete, wieder angenommene, neu geschaffene Erlöste werden:
Der Mensch wird im christlichen Menschenbild unter diesem dreifachen Aspekt gesehen: Als der von Gott zu seinem Ebenbild Geschaffene, als der von Gott abgefallene Sünder und als der im Glauben an Christus Erlöste und Erneuerte; darin besteht die zugleich ern­ste und realistische, aber auch hoffnungsvolle christliche Anthropologie.

In allen drei Teilen gibt es deutliche Unterschiede zwischen Christentum und Islam:

Islamisches Menschenbild:
1. Der Mensch als Allahs besonderes Geschöpf: Die Aussagen des Koran über die Er­schaffung des Menschen erinnern an einigen Stellen an die biblische Schöpfungsgeschich­te: Adam wird von Allah aus Erde geschaffen und zum Statthalter eingesetzt: „Siehe, ich will auf der Erde einen einsetzen an meiner Statt“ (Sure 2,28). Die Menschen werden auch hier deutlich über die anderen Geschöpfe erhoben: „Und wahrlich, wir zeichneten die Kinder Adams aus … und bevorzugten sie hoch vor vielen unserer Geschöpfe“ (S. 17,72). Das wird im Koran mehrfach durch eine merkwürdige, außerbiblische Überlieferung ver­anschaulicht: Daß die Engel von Allah gezwungen werden, Adam zu huldigen, was auch alle Engel außer Iblis (=Satan) tun: „Alsdann sprachen wir (= Allah) zu den Engeln: 'Wer­fet euch nieder vor Adam!' und nieder warfen sie sich außer Iblis ...“(S. 7,10).
Damit kommt dem Menschen im Islam zwar eine Sonderstellung zu, aber er drückt diese deutlich schwächer aus als das Christentum. Von einer Gottebenbildlichkeit des Menschen ist hier nirgends die Rede und auch nicht von einer Gotteskindschaft. Auch Adam gilt hier nur als ein Diener oder Sklave Allahs: „Ihr Kinder Adams: Dienet nicht dem Satan, son­dern dienet mir, das ist ein rechter Pfad!“ (S. 36,60-61). Das Verhältnis des Menschen zu Allah ist das eines Knechts zu seinem Herren. Damit unterschätzt der Is­lam die dem Men­schen von Gott gegebene Würde und bestreitet das christliche, kindliche Vertrauensver­hältnis zu Gott und verwandelt es wieder in ein Knechts- und Untertanenverhältnis wie in vielen anderen Religionen. Außerdem fehlt die grundsätzliche Gleichstellung von Frau und Mann.
2. Auch von der Sünde des Menschen weiß der Islam etwas. Die Erzählung von der Ver­suchung des Menschen und vom Sündenfall kommt im Koran an mehreren Stellen vor: „Und wir sprachen: 'O Adam, bewohne du und dein Weib den Garten und esset von ihm … Aber nahet euch nicht jenem Baum, sonst seid ihr Ungerechte“ (S. 2,33). Die Men­schen lassen sich aber von Satan genau dazu verführen und werden aus dem Garten ver­trieben: „Hinfort mit euch! Der Eine sei des Anderen Feind und auf der Erde sei euch eine Wohnung … (S. 2,34).
Das wird jedoch anders verstan­den als in der Bibel: Es handelt sich nur um eine einmalige Sünde, nicht um einen Sünden­fall, d.h. das Verhältnis zu Gott wird dadurch nicht grund­sätzlich verändert. Es ist kein Fall, sondern ein kleiner „Ausrutscher“ oder Fehltritt, der durch nach­folgenden Gehorsam wieder gut gemacht werden kann. „Und sie aßen von ihm … und Adam ward ungehorsam wider seinen Herren und ging irre“(S. 20,119). Das über­windet Allah aber sofort, indem es anschließend heißt: „Alsdann erkieste (erwählte) ihn sein Herr (Allah) und kehrte sich zu ihm und leitete ihn“ (S. 20,120).
Offenbar ist Adam immer noch in der Lage, dieser Leitung Allahs zu folgen: Denn „wer dann meiner Leitung folgt, der soll nicht irre gehen und nicht elend werden“ (S. 20,122). Und fast wortgleich heißt es in Sure 2: „Und wenn zu euch von mir eine Leitung kommt, wer dann meiner Leitung folgt, über den soll keine Furcht kommen und nicht sollen sie traurig werden“ (S. 2,36). Eine Anmerkung in der Reclam-Ausgabe des Koran er­klärt dazu: „Der Islam kennt keine Erbsünde; trotz der Ausstoßung aus dem Paradies bleibt dem Menschen die Möglichkeit, auf Gottes Pfad zu wandern.“
Genau so verhält es sich tatsächlich im Islam: Das Wesen des Menschen ändert sich nicht durch Adams Ungehorsam. Es entsteht dadurch keine Verlo­renheit des Menschen. Das Verhältnis zu Allahs ist nicht grundsätzlich gestört. Damit wird die Sünde nicht wirklich ernst genommen. Deswegen kennt der Islam nur Tatsünden und keine Wesens- oder Per­sonsünde. Darum muß man ihm den Satz von Anselm von Canterbury vorhalten: „Du hast noch nicht bedacht, von welcher Schwere die Sünde ist!“ Er unterschätzt die Sünde.
3. Deshalb meint der Islam auch, daß der Mensch in der Lage sei, den Willen Allahs von sich aus zu tun und deshalb keine Erlösung und keinen Retter nötig zu haben. Er sei selbst bei gutem Willen dazu fähig, Allah zu gehorchen und damit vor ihm zu bestehen. Das ver­mag der Mensch angeblich so­gar noch nach seinem Ungehorsam. In dieser Hinsicht über­schätzt der Islam den Menschen und seine Möglichkeiten bei weitem.

4. Christliche und islamische Individualethik:
Ethik beantwortet die Frage: Was sollen wir tun? Dabei ist die Antwort abhängig von dem Glauben oder der Religion, in der der Mensch lebt und handelt. Beide Religionen, Christentum und Islam, geben zwar die Antwort, daß der Mensch den Willen Gottes zu erfüllen hat. Doch worin besteht die­ser Wille eigentlich, wie der Mensch das tun kann und warum er das tun soll (Frage nach der Moti­vation), darauf geben sie ganz verschiedene Antworten.

Christlich:
Maßgeblich für die christliche Ethik ist die Haltung und Lehre Jesu Christi: Im Mittel­punkt seiner Lehre steht aber nicht das oder ein Gesetz, sondern die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, seine Nähe und sein Kommen. Davon wird das Handeln seiner Jünger und Nach­folger bestimmt.
Jesus Christus wollte das Leben der Menschen nicht durch einzelne gesetzliche Vorschrif­ten regeln, also keine christliche Gesellschaftsordnung aufstellen. Die Radikalität seiner Forderungen entzieht sich jeder gesetzlichen Kodifizierung. Jesus war darum kein zweiter Mose, also kein neuer Gesetzgeber. Er hat den Willen Gottes zusammengefaßt im Doppel­gebot der Liebe: „Du sollst lieben Gott … und deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Mt 22,39). Damit hat er den Willeen Gottes nur scheinbar vereinfacht und erleichtert, in Wahrheit ungeheuer erschwert. Er hat ihn nämlich konzentriert, radikalisiert, vertieft und verinnerlicht. Damit hat er ihn für Sünder sogar unerfüllbar schwer gemacht (Man denke nur an die Antithesen in der Bergpredigt, Mt 5,20ff!). Er zeigt uns: Aus eigener Kraft vermögen wir das nicht zu erfüllen, was Gott will. Denn in einer Gesetzesethik kann man mit Einzelvorschriften wohl fertig werden, mit der Liebe aber nicht. Für sie gilt das, was P. Tillich dazu geschrie­ben hat: „Der Mensch in seiner existen­tiellen Entfremdung (= Sünde) ist zur Liebe (zu dieser selbstlosen Liebe, Agape) nicht fähig.“ Das war ja auch die niederschmetternde Erfahrung, die Luther beim Versuch der Gesetzeser­füllung im Kloster machen mußte.
Damit ist nach christlicher Erkenntnis jede Form von Gesetzes­gerechtigkeit (=Werkge­rechtigkeit) unmöglich. Denn „durch das Gesetz kommt“ (nicht die Gerechtigkeit, son­dern) „die Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,20). Denn Gott verlangt nicht nur die äußere, wörtliche Erfüllung der Tat, sondern den Gehorsam des gan­zen Menschen, des Herzens und des Willens, und das ohne Einschränkung, ohne Berechnung auf Lohn und ohne Angst vor Strafe. Dazu ist der Sünder Mensch von sich aus wirklich nicht in der Lage. Er vermag sich dazu auch nicht durch Übung zu erziehen.
Dazu bedarf es eines neuen Menschen. Den vermag nur Gott durch Christus zu schaffen. Darum hat Gott in Christus einen anderen Weg mit uns eingeschlagen: Er fängt mit der Liebe an, er erweist uns Sündern seine Barmherzigkeit, und erst dann können wir anfangen zu handeln: „Hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben!“ (1. Joh 4,11) oder: „Lasset uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt!“ (1.Joh 4,19). Christliche Ethik beginnt also nicht mit dem Gesetz und sei­ner Erfüllung, sondern mit der Gnade und Liebe Gottes und unserem Glauben. Erst daraus ergeben sich die Weisungen für den christlichen Glauben und die Kraft, sie zu tun.
So verwandelt Gott im Glauben an Christus den Menschen, schenkt ihm gewissermaßen ein neues Herz; und damit die Kraft, den Wil­len und die Einsicht, das Liebesgebot zu er­füllen: Das heißt, „in Christus gilt … der Glaube, der in der Liebe tätig ist“ (Gal 5,6). Da­mit ist unser Tun nichts anderes als die Weitergabe dessen, was Christus uns getan hat.
Umgekehrt bedeutet das, Sünde ist nicht die Übertretung einzelner Vorschriften, sondern die Verweigerung der Weitergabe des göttlichen Erbarmens: Das wirft Gott dem Schalks­knecht vor: „Hättest du dich nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?“ (Mt 18, 33)
Aus dieser Einsicht entsprang die lutherische Refor­mation. Wir nennen das die Glaubens­gerechtigkeit. Oder mit einem Bild aus der Bergpre­digt: Nur ein guter Baum vermag gute Früchte zu bringen. Darum muß zuerst der Baum geheilt werden, dann vermag er gute Früchte zu tragen (Mt 7,17-19). Wir werden zuerst von Christus umsonst begnadigt und angenommen und gerechtfertigt. Dann dürfen und können wir uns aus Dankbarkeit und Liebe ans Werk machen. Damit geht es nicht um die möglichst genaue Erfüllung von ein­zelnen Vorschriften, sondern um die eigenverantwortliche Verwirklichung der Liebe Chri­sti: „Denn was da gesagt ist: 'Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren', und was da sonst an Geboten ist, das wird in die­sem Wort zusammengefaßt: 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.' … So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Röm 13, 9-10). Paulus geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er schreibt, daß wir selbst den Willen Gottes finden sollen: „ ...damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkom­mene“ (Röm 12,2).
Außerdem handeln wir als Christen nicht dazu, um uns den Himmel zu verdienen und im Gericht vor Gott bestehen zu können, sondern weil uns das Heil durch Christus schon umsonst geschenkt ist und wir nun dankbar, gerne und freiwillig und ohne jeden Hintergedanken an uns uns ans Werk machen. Unsere Werke sind nach einem wahren Wort Luthers „freie Werke“ in einem doppelten Sinn: Sie sind befreit von der ichsüchtigen Absicht, bei Gott damit gut dazustehen und sie sind frei, weil wir nicht auf Befehl und nach Vorschriften handeln, sondern selber herausfinden sollen und können, was unser Nächster braucht.
Unser christliches Tun dient also nicht uns selbst, sondern ganz und gar unserem Näch­sten. Das hat Paul Speratus schon in der Reformationszeit in seinem Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ sehr klar besungen: „Es ist gerecht vor Gott allein, wer diesen Glauben fasset; der Glaub gibt einen hellen Schein, wenn er sie Lieb nicht lasset; mit Gott der Glaub ist wohl daran, dem Nächsten wird die Lieb Guts tun, bist du aus Gott geboren. Die Werk, die kommen g'wißlich her aus einem rechten Glauben; denn das nicht rechter Glau­be wär, wolltst ihn der Werk berauben. Doch macht allein der Glaub gerecht; die Werk, die sind des Nächsten Knecht, dran wir den Glauben merken“ (EG 342,6-7). M. Luther hat das bildlich anschaulich so beschrieben: „Ein Christenmensch lebt nicht in ihm selber, sondern in Christus und seinem Nächsten: In Christus durch den Glauben und im Näch­sten durch die Liebe; durch den Glauben fährt er über sich in Gott und aus Gott fährt er wider unter sich durch die Liebe und bleibt doch so immer in Gott und göttlicher Liebe … Siehe, das ist die rechte, geistliche christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde“ (Von der Freiheit eines Christenmenschen). Das ist die evangelische Ethik und ihre Moti­vation.

Islamisch:
Der Islam stellt demgegenüber einen totalen Rückfall in eine kasuistische Gesetzesethik dar mit einer Vielzahl von einzelnen Geboten, die möglichst alle Fälle des Lebens regeln sollen. Dabei zeigt sich eine deutliche Annäherung an das Judentum, z. B. beim Schäch­ten und Verbot des Blutgenusses, beim Verbot von Schweinefleisch usw.
Der Mensch steht völlig unter dem Gesetz, es gibt dabei keine „Freiheit eines Christen­menschen“. Er hat die Pflicht, die einzelnen, genau beschriebenen Vorschriften des Geset­zes gehorsam zu erfüllen. Dabei kommt es auf die Tat an, die innere Beteiligung oder Be­jahung des Geforderten ist nebensächlich. Es wird dabei vorausgesetzt, daß der Mensch bei entsprechender Bemühung dazu in der Lage ist, das Geforderte zu leisten. Das scheint deshalb möglich zu sein, weil der Mensch nicht als „Gefallener“ gesehen wird und weil es nur auf den Gehorsam der Tat und nicht den des Herzen ankommt.
Außerdem sind die Vorschriften zwar detailliert, aber insgesamt insofern erleichtert, als eben nur einzelne Handlungen, aber nicht die Grundhaltung der Liebe verlangt wird. Der Wille Al­lahs besteht aus einer Ansammlung von formalen Vorschriften. Manche lassen sich mit den 10 Geboten der Bibel vergleichen, jedoch kennt der Islam nicht die kurze, apodikti­sche Zusammenfassung der Gebote. Das läßt sich etwa am 5. Gebot deutlich zeigen: Es lautet im Islam nicht einfach: „Du sollst nicht töten!“, sondern „Ihr sollt … niemand töten, den (zu töten) Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid“ (Sure 6,151).
Das Wesen der islamischen Ethik wird besonders klar sichtbar an der Zusammenfassung der islamischen Gesetze in den fünf sog. Säulen: Beim Glaubensbekenntnis (wie wir sa­gen) handelt es sich um ein Nachsprechen der Formel, bestenfalls um ein Fürwahrhalten, nicht jedoch um das, was wir unter Glauben (=Vertrauen und Gewißheit des Herzens) ver­stehen. Beim Ritualgebet sagt schon der Name, daß es sich um eine rituelle, formale Ver­pflichtung handelt, bei deren Erfüllung auf die genaue Einhaltung der einzelnen Vorschrif­ten zu achten ist: auf die richtigen Waschungen und Reinheit, die Haltungen, die richtige Wiederholung der Anrufungen und deren genauen Wortlaut und die Niederwerfungen usw. Von einer inneren Andacht des Herzens, von persönlicher Bitte oder Zuversicht ge­genüber Allah, überhaupt von einem persönlichen, eigenen Gebet ist nicht die Rede. Ähn­lich verhält es sich beim Fasten: Es muß auf die richtige Art und Weise durchgeführt wer­den, sonst ist es wertlos. Auch hier erfüllt der Moslem zwar gewissenhaft, aber rein äußer­lich formal, gehorsam eine vorgeschriebene Pflicht. Das Fasten hat keine befreiende Be­deutung oder Wirkung auf ihn selbst. Die Armensteuer ist eine Pflichtabgabe (Steuer!) und hat nichts mit Almosen, Mitleid oder Liebe zum armen Mitmenschen zu tun. Sie ist so sachlich objektiv wie es eben bei einer Steuer oder Zwangsabgabe auch sonst der Fall ist. Auch bei der Wallfahrt nach Mekka geht es vor allem um die richtige, vorgeschriebene Durchführung und Abfolge der einzelnen Bestandteile dieser Zusammenkunft aller Musli­me an der Ursprungsstätte des Islam. Der fromme Moslem soll genau das wiederholen, was ihm einst Mohammed vorgemacht hat.
Was schließlich das viel zitierte und kritisierte Religionsgesetz der Scharia betrifft, so ist dabei zu beachten, daß es sich dabei nicht nur um religiöse Vorschriften, sondern auch um allgemein rechtliche Gebote handelt, da der Islam den Unterschied zwischen Religion und Recht/Politik nicht kennt bzw. nicht gelten läßt.
Insgesamt dreht sich in der islamischen Ethik alles um den Gehorsam des Menschen: So wie er sich im Gebet vor Gott niederwirft und damit ihm unterwirft, so soll er auch in sei­nem ganzen Leben sich unter den Willen Allahs stellen, nicht nach dem Sinn des Gebote­nen fragen, sondern tun, was ihm aufgetragen ist.
Das Motiv für sein Tun und seinen Gehorsam ist dabei natürlich einerseits die Angst vor Strafe bei Ungehorsam, andererseits die Hoffnung auf Belohnung, wenn er gehorcht. Des­wegen spielt in der muslimischen Ethik die Drohung mit der Höllenstrafe für die Sünder und die Lockung mit dem paradiesischen Glück im „Garten“ Eden für den Gehorsamen als Peitsche und Zuckerbrot eine so große Rolle. Ganz ungeniert und ungebrochen wird hier mit dem eigenen Interesse des Frommen gearbeitet. Der Hauptgrund dafür, das Ge­setz zu tun, liegt also darin, im Gericht vor Allah zu bestehen und ins Para­dies einzuge­hen, bzw. die Hölle zu vermeiden, nicht darin, einem anderen zu helfen. Darum wird bei­des, Strafe und Lohn, im Koran sehr oft und sehr detailliert beschrieben.
Bei dieser Form der Ethik handelt es sich um sog. Eudämo­nismus, d. h. das Streben nach der eigenen Glückseligkeit. Der Mensch will dabei vor allem für sich selber etwas haben. Streng ge­nommen muß man das eine Art religiösen Egoismus nennen. Denn der Mensch gehorcht letzten Endes im eigenen Interesse, um sein Heil zu verdienen. Eine wirklich selbstlose Ethik ist dies allerdings nicht. Darum hat Kant diese Ethik abge­lehnt und mit Recht darauf hingewiesen, daß man das Gute um seiner selbst willen tun muß. Das ist auch christlich gedacht. Zudem kann diese Selbsterlösung aus den oben schon genannten Gründen nicht gelingen.

Sozialethik, politische Ethik - Religion und Politik

Christlich:
Unterscheidung von Religion und Politik
"Mein Reich ist nicht von dieser Welt"(Joh 18,36) sagt Jesus. Damit macht er deutlich, daß es sich bei Religion und Politik für ihn um zweierlei handelt. Das zeigt er auch, in­dem er bei der drit­ten Versuchung die Weltherrschaft ausschlug (Mt 4,8-11) und im Garten Gethsemane seinen Jün­gern verbot, mit dem Schwert für ihn zu kämpfen (Mt 26,51-52). In die gleiche Rich­tung weist sein Einzug nach Jeru­salem auf einem Esel (Mt 21,6-7) und der Weg ans Kreuz (Mt 16,21-23). Jesus, der ge­kreuzigte König (Mt 26,31-37), wollte kein irdi­scher König sein und keine poli­tische Herrschaft aufrichten. Er unterscheidet in der Ge­schichte vom Zinsgroschen (Mt 22,15-22) sehr deutlich zwi­schen dem, was Gottes ist und dem, was des Kai­sers ist. Deswegen geschah die Aus­breitung des christlichen Glaubens mindestens in den er­sten drei Jahrhunderten völlig gewaltlos, nur durch leiden­des Zeugnis (christliche Märtyrer): „Das Blut der Christen ist der Same der Kirche“. In der Nachfolge Christi darf es deshalb keinen Glau­benskrieg geben.
Wenn später die Kirche dennoch nach weltlicher Macht strebte und sie teilweise aus­übte, so verstieß sie damit gegen seinen Willen. Die­ser Wille Jesu fand darin sei­nen Nieder­schlag, daß im christlichen Abendland geistliche und weltli­che Macht grund­sätzlich im­mer auf zwei verschiedene Ämter ver­teilt blie­ben: Patriarch/Papst und Kai­ser. Trotz aller Ver­suche von bei­den Seiten ge­lang es niemals ganz und auf Dauer, beide Ämter in einer Hand zu vereinigen; und das war ganz im Sinne Jesu.
Während die lateinische Kirche im Hochmittelalter der Ver­suchung zum "Papstkaiser" (Innozenz III.) zu erliegen drohte, hat die Reformation diese Unter­scheidung Jesu zwi­schen Reli­gion und Politik wieder klar erkannt und aner­kannt. Diese Er­kenntnis liegt ihrer Konzeption von den bei­den Regimenten Gottes zu­grunde. (M. Luther: Von weltlicher Ob­rigkeit und wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei, 1523). Sie besagt - im Bild - , daß Gott die Welt mit zwei Händen regiert: Mit der linken übt er das weltliche Regi­ment aus (Politik), mit der rechten das geistliche (Religion). Das weltliche Regiment dient der Er­haltung, das geistliche der Erlö­sung der Welt. Beide Regie­rungsweisen Gottes darf man weder auseinanderreißen, noch miteinander vermengen. Diese klärende Unterschei­dung Luthers hat auch Ein­gang gefunden in unsere Be­kenntnisschriften: "Unsere Kirche hält unbedingt fest an der Unterscheidung der beiden Re­gimente, die Gott ge­geben hat, des geistlichen und des weltlichen Regiments … Beide Regimente stammen von Gott. Sie dürfen nicht mitein­ander vermengt werden. Die geistliche Gewalt soll nicht in das Amt der weltli­chen Gewalt, die weltliche soll nicht in das Amt der geistlichen Gewalt greifen" (Augsburgisches Bekenntnis, Artikel 28). Deshalb darf die Kir­che sich kei­ner welt­lichen Gewalt bedienen, in ihr soll alles ge­schehen nach dem Motto: "Non vi, sed ver­bo" (nicht mit Gewalt, son­dern durch das Wort). Nur der Staat besitzt das Ge­waltmonopol und muß Rechtsbrecher strafen (Röm 13,4).
Damit wurde durch die Reformation in der Neuzeit die Ent­stehung von religiös neu­tralen Staaten erst ermöglicht und ge­fördert. Diese Unterscheidung der beiden Regi­mente Got­tes wirkte sich friedensstiftend und damit sehr positiv aus für beide Berei­che: Sie bewahrte die Kirche davor, sich durch Ausübung von Macht und Gewalt vom Weg Christi zu ent­fernen und so zu verweltlichen. Sie sollte den Staat davor bewah­ren, sich zur Er­satzkirche oder -religion aufzuwerfen und dadurch fanatisch und unmensch­lich zu werden. Weder soll die Kirche den Staat bevormun­den, noch darf der Staat der Kirche Glauben vorschreib­en oder verbieten. Die einzel­nen Christen sollen selbstver­ständlich aus ihrem Glauben heraus auch politische Ver­antwortung wahrnehmen, müssen sich dabei aber des Un­terschieds zwischen Kirche und Staat bewußt bleiben: Sie sollen im weltlichen Regiment auch mit Nichtchristen zusammenarbei­ten und sich mit vorläufigen, unvollkommenen Lö­sungen begnügen. Einen vollkom­menen christlichen Staat oder gar das Reich Gottes, den Himmel auf Erden sollen und werden sie nicht schaffen. Erst in der Vollendung wird Gott selbst diesen spannungs­vollen Zu­stand der Unterscheidung von Religion und Politik auf­heben im himmli­schen Je­rusalem (Offb Joh 21,22).

Islamisch:
Verschmelzung von Religion und Politik
Der Islam lehnt genau diese Unterscheidung von Religion und Politik grundsätzlich und praktisch ab. "Der Islam war von Anfang an eine ausgespro­chen politi­sche Religion." Er geht von einer "grundsätzlichen Untrenn­barkeit von Re­ligion und Staat aus" (Christen und Muslime, S. 58-59). Mohammed verstand sich als Prophet und welt­lichen Herr­scher, ver­einigte also beide Berei­che in seiner Person, übrigens mit allen gefährli­chen Konsequen­zen: Ausübung von Gewalt, Kriegführung, Intrigen und Hin­richtungen im Namen Allahs, z.B. Vertrei­bung und Tötung der Juden in Medina, die ihn nicht als Pro­pheten anerkann­ten. Auch die rasche Ausbreitung des Islam im Jahr­hundert nach Mohammed geschah mit militärischer Gewalt. Seine Nachfol­ger, die Kalifen, ver­standen sich ebenso wie er als höchste geistliche und weltliche Autorität in einer Person. Konsequen­terweise lehnen isla­mische Staa­ten, ins­besondere nach ei­ner islamischen Revolution, die Un­terscheidung von Religion und Politik ab, bean­spruchen für sich sowohl weltliche als auch geistli­che Macht. Sie nennen sich darum betont "islamische Republik", verurteilen das sog. laizistis­che Ver­ständnis des Staates (wie es in der Türkei Ke­mal Atatürk einführte und das heute im Zuge der Re-Islami­sierung wie­der in Frage ge­stellt wird) und be­kämpfen die Vorstel­lung eines religiös neutralen Staates als wider­göttlich: "Die isla­mische Regierung ist die Regierung des göttlichen Rechts, und ihre Gesetze können weder gewechselt, noch geän­dert wer­den … Diesen Gesetzen müssen alle ge­horchen … Die Er­richtung einer (nur) weltlichen poli­tischen Ord­nung heißt, den Fort­schritt der islamischen Ordnung zu verhin­dern. Jede (nur) weltli­che Macht, in wel­cher Form sie sich auch zeigt, ist unvermeidlich eine atheistische Macht, Satans­werk"(Ayatollah Khomeini, Worte, S. 17-24). "Der musli­mische Libanese kann prinzipi­ell nur einen isla­mischen Staat zu­lassen … Diese Religion (nämlich der Is­lam) wurde ihrem Propheten von Allah geof­fenbart, und zwar als Religion und Staat(sordnung) … Der Islam postuliert, daß es für Muslime unmöglich ist, seinen Glau­ben zu praktizieren, ohne die politische Macht zu ha­ben" (Hussein al-Kuwatli, Beiru­ter Zeitung, 18.8.75). Das trifft nicht nur für den islamischen Fundamenta­lismus zu, son­dern für den Islam ganz allgemein.
Deswegen teilt der Islam die Welt in zwei Bereiche ein: den Dar al islam (Haus des Is­lam), d.h. die Länder, in denen der Islam sich in der Mehrheit befindet un


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